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10. und 11. Tag meiner Rheintour von Andermatt nach Rotterdam

iiEs sind schon wieder zwei Tage vergangen. Es ist, als ob meine zwei sich schnell drehenden Räder das Uhrwerk des Lebens zusätzlich antreiben und beschleunigen. Die Tage verfliegen so schnell wie die Kilometer. Der Rhein ist breit, mächtig und teilweise unnahbar geworden. Dreißig Kilometer vor Speyer wollten wir ihn gestern mit einer Fähre überqueren. Aufgrund des niedrigen Wasserstandes verkehren keine Fähren mehr. Wir mussten einen großen Umweg bis zur nächsten Brücke in Kauf nehmen, was Wolf ziemlich aufregte. Tagelanges Radeln macht ihn nicht unbedingt gelassener, besonders dann nicht, wenn schon achtzig Kilometer hinter ihm liegen. Aber immerhin schafft er es noch, sich den Dom in Speyer anzuschauen, während ich wieder draußen warten musste. Ich spürte daran, wie er meinen Lenker griff, dass er mal wieder ganz ergriffen war. Als rein materialistisch denkendes, voll säkularisiertes Fahrrad kann ich das ehrlich gesagt nicht so recht nachvollziehen. Aber wir sind halt unterschiedliche Wesen. Das eine lebt, das andere ist aus Stahl.

Die Fahrt durch Ludwigshafen und Mannheim unter grauem Himmel war für uns beide ziemlich schlimm. An vielen Orten ist Deutschland wie ein Aldi-Parkplatz am Sonntag. Das fällt mir als langsam fahrendem Fahrrad besonders auf. Wir kamen an Stellen vorbei, an denen wir beide dachten: „Wie hält man es nur aus, dort zu leben?“ Aber kann Hässlichkeit nicht auch eine Ästhetik haben oder bekommen, indem wir sie fotografieren, isolieren und damit ein Stück weit aus der Welt nehmen? Jedenfalls drückte Wolf oft auf meine Bremsen, um Fotos mit seinem Smartphone zu machen.

Die Fahrradwege in Ludwigshafen und Mannheim sind in einem erbärmlichen Zustand. Ich glaube, selbst auf der alten Via Appia würde ich weniger vor mich hin holpern als in Mannheim. Eigentlich sind sie kaum noch befahrbar. Mein Fahrradrahmen, sprich: mein Fahrradrücken, ist noch nie so durchgerüttelt worden wie hier.

Aber nun sind wir an einem See auf einem Campingplatz, wo es zum ersten Mal einsam ist. Sonntagabend. Dünner Nieselregen. Morgen sind die Ferien in dem ganzen Land  vorbei. Der Sommer ist zu Ende. Die Schwimminsel in der Mitte des Sees ist im grauen Dämmerlicht nur schemenhaft zu erkennen. In der Feuerschale am Strand sammelt sich Regenwasser. Ein Flipperautomat flimmert nervös unter einem Baldachin. Irgendwo sind doch noch Stimmen zu hören. Wolf hat mich an der Stütze eines Pavillons abgesperrt. Ich schaue hinüber zu seinem Zelt, in dem noch Licht brennt. Gleich wird er schlafen, und morgen wird er, wie schon seit fast zwei Wochen tut, mit mir weiter durch einen Teil der Welt fahren, wo Hässlichkeit und Schönheit nebeneinander existieren.

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