
12. Tag meiner Rheintour von Andermatt nach Rottderdam (nahe der Loreley)
Jetzt sind wir in dem klassischen Teil unserer Radreise angekommen. Dort, wo der Rhein von steilen Weinbergen, imposanten Burgen, Loreleyen und Wohnmobilstellplätzen gesäumt wird. Der Rhein, der sich hier in diesem viel zu heißen und trockenen Sommer selbst verloren hat, ist kein fließender, breiter Strom, sondern ein durch Sand- und Kiesbänke zerrüttetes Gewässer. Deutschland hat seinen Übervater verloren. Hoffentlich sucht es sich nicht gleich einen anderen.

Für uns Fahrräder ist das Radnetz durch dieses Weltkulturerbe sehr gut angelegt. Manchmal fährt man durch Weinberge, manchmal haarscharf am Ufer des Rheins entlang, manchmal auf schmalen Wegen, die den Nebenarmen des großen Flusses voller Vertrauen folgen. Ach ja, hier ist die Welt wieder schön, aber nach der nächsten Kurve kann es schon wieder ganz anders sein. Aber das hatten wir ja schon.

Auf einem weniger kurvenreichen Stück haben Wolf und ich über Einsamkeit geredet. Einsamkeit in Fahrradkellern, Einsamkeit auf der Straße, Einsamkeit auf verlassenen Campingplätzen, Einsamkeit in der Wildnis, die zur Verlorenheit werden kann, die Einsamkeit, wenn man als Fahrrad stunden- oder tagelang an Laternenpfählen angekettet ist. Wolf wird oft gefragt, wie das mit der Einsamkeit sei, wenn er wochenlang allein mit mir unterwegs ist und niemanden wirklich hat, mit dem er sich über das Gesehene austauschen kann. Auch ich habe ihn das heute gefragt. Er hat ungefähr Folgendes geantwortet: „Nein, Fahrrad, ich fühle mich, wenn ich Fahrrad fahre, fast nie einsam. Aus zwei Gründen. Erstens, weil ich mich bewege. Mein aktiver Körper und damit mein aktiver Geist werden zum Zuhause. Ich bin im Zustand der Fortbewegung im wahrsten Sinne des Wortes. Und damit eindeutig ganz bei mir. Mit mir verbunden. In diesem Zustand wäre es abwegig, mich einsam zu fühlen. Und der zweite Grund sind die Begegnungen. Schau, heute bei Bingen haben wir an einem Rastplatz eine junge Frau getroffen, vielleicht 25. Ihr Fahrrad war noch voller, noch chaotischer bepackt als du. Sie war allein auf dem Weg von Hamburg nach Gibraltar. Sie strahlte genauso wie ich, weil es uns glücklich machte, uns gegenseitig von unseren Erfahrungen und unserem Ziel zu erzählen. Aber es sind nicht nur die Begegnungen mit anderen, oft allein reisenden Fahrradfahrern, sondern auch die mit Leuten, die nicht groß unterwegs sind. Heute hattest du dir doch kurz vor Mainz einen etwa fünf Zentimeter langen Nagel eingefahren. Alles Gepäck musste von dir runter, du wurdest auf den Kopf gestellt. Es entstand eine richtig kleine Fahrradwerkstatt zwischen den Weinreben. Immer wieder kamen Menschen vorbei, fragten, ob sie helfen dürften, oder erzählten von eigenen Pannen, die sie schon einmal hatten, oder wollten einfach so ratschen. Ein Herr erzählte uns seine Lebensgeschichte und dass er nie aus Nierstein weggekommen sei, was er aber überhaupt nicht bedauere. Deshalb: Nein, liebes Fahrrad, ich fühle mich fast nie einsam, wenn ich mit dir unterwegs bin.“