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13.Tag meiner Rheinradtour von Andermatt nach Rotterdam (in Köln)


Gegenüber der Loreley

Neben unserem Zelt auf dem Campingplatz bei Bacharach am Rhein stand ein anderes, das zusätzlich mit einer schwarzen, löchrigen Plastikfolie abgedeckt war. Was mir aber sofort in meinen kleinen Scheinwerfer stach, war das alte, verrostete Fahrrad mit einer großen Plastiktüte und einer Obstkiste auf dem Gepäckträger. Der Besitzer von Zelt und Fahrrad schien gerade unterwegs zu sein.

Irgendwann tauchte eine blonde Frau auf, bekleidet mit einem weißen Rüschenrock und Plateauschuhen aus Kork, die Augen von dickem Kajal eingerahmt. Sie setzte sich auf einen der angerosteten Gartenstühle neben dem Zelt und drehte sich eine Zigarette. Mich und Wolf würdigte sie keines Blickes, sondern starrte auf die makellosen Wohnmobile am Rheinufer. Gelegentlich stand sie auf, holte etwas aus der Plastiktüte am Fahrrad, etwa einen in Plastik eingepackten Kuchen, und räumte es ins Zelt. Als Wolf sich etwas zu essen zubereitete und die Frau fragte, ob sie schon gegessen habe, sagte sie: „Ja!“ Das war es mit dem Gespräch. Als es bereits leicht dämmerte, holte sie sich aus dem Zelt einen Groschenroman, um ihn rauchend so lange zu lesen, bis es dunkel war. Sie schien weder ein Handy noch eine Taschenlampe zu besitzen. Während die anderen Camper ihr letztes Rotweinglas am träge dahinfließenden Rhein zu sich nahmen, verschwand sie in ihrem Zelt. Noch lange hörte ich es knistern und rascheln. Dann war es still. Auch mein rostiger Fahrradkollege nebenan tat keinen Mucks.

Am nächsten Tag fuhren wir Richtung Norden. Wolf sprach über die Frau auf dem Campingplatz. Ob sie wohl dauerhaft dort lebte? Ob sie anderswo eine Wohnung besaß? Was sie im Winter machte? Es war wohl kein Zufall, dass wir gerade durch Andernach fuhren. Wolf fiel ein, dass sein literarisches Vorbild Charles Bukowski, einer der großartigsten amerikanischen Schriftsteller, hier 1920 als Sohn eines amerikanischen Soldaten und einer deutschen Frau geboren wurde. Ein Autor, der in Gedichten und Romanen schonungslos über die Rauheit und Abgründigkeit der menschlichen Existenz geschrieben hat. Wolf ließ es sich nicht nehmen, die KI nach der Adresse seines Geburtshauses zu fragen: Aktienstraße 12, zehn Minuten Umweg. Ein unscheinbares Eckhaus, aber immerhin mit einer Gedenktafel versehen.

Am Ende unserer Etappe las mir Wolf dieses Gedicht von Bukowski vor:

Dein Leben ist dein Leben.
Lass es nicht niederknüppeln in eine dunkle Unterwerfung.
Sei wachsam.
Es gibt einen Weg heraus.
Dort ist ein Licht, irgendwo.
Dort könnte nicht sehr viel Licht sein aber, es vertreibt die Finsternis.
Sei wachsam.
Die Götter werden Dir Chancen anbieten.
Kenn sie, nimm sie.
Du kannst den Tod nicht besiegen.
aber irgendwann im Leben, schlägst du den Tod.
Je öfter du lernst dies zu tun, je mehr Licht wird dort sein.
Dein Leben ist dein Leben.
Wisse es während du es hast.
Du bist wundervoll.
Du bist wundervoll.
Die Götter warten in Dir zu erleuchten.

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