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14. Tag meiner Rheinradreise von Andermatt nach Rotterdam (Köln)

Ich weiß, dass Wolf fünf Jahre in Köln gearbeitet und beinahe jeden Tag den Dom gesehen hat, damals, als ich selbst noch rohes Eisenerz in irgendeiner dunklen Mine gewesen bin. Als wir den Dom zum ersten Mal von der rechtsrheinischen Uferseite aus erblickten, spürte ich an Wolfs Puls, dass für ihn ein wichtiges Etappenziel erreicht war. In dieser alten Römerstadt legten wir unseren ersten Ruhetag ein, auf dem städtischen Campingplatz Köln, eingebettet in eine Auenlandschaft mit säuselndenPappeln.

Am nächsten Morgen, um halb acht und noch vor dem Frühstück, radelten wir zum Dom, der wie ein Monolith aus der Stadt herausragt. Diese Kirche wirkt alles andere als fein und herausgeputzt. Sie gleicht einem schmutzigen Vogel, der seine Gläubigen unter seinem angerußtem Gefieder beherbergt. Die Züge, die auf der Hohenzollernbrücke über den Rhein poltern, umschmeicheln den Dom nicht; sie scheinen sich an seiner Fassade zu reiben wie Schmirgelpapier. Kathedrale und Hauptbahnhof sind symbiotisch miteinander verwachsen.

Die Domplatte, ein Bosch Gemälde, dem der Rahmen verloren gegangen  ist und dem alle seine Gestalten davongelaufen sind. Herden krakeelender Schüler, die sich mit ihren Lehrern im dünnen Nervenkostüm mit Gotik beschäftigen müssen; ein  Schwarm azurblauer Ordensschwestern, der vor dem Grab von Kaspar, Melchior und Balthasar auf die Knie fallen will; aus den Zügen gespuckte Reisende, die orientierungslos über die Domplatte stolpern und klobige Rollkoffer hinter sich herziehen; Fahrradfahrer, die über das Pflaster rasen, weil sie ein diesseitiges, keineswegs ein jenseitiges Ziel pünktlich erreichen wollen; Großstadttouristen mit zerfledderten Reiseführern, die im Takt über das Eintrittsgeld für den Dom die Köpfe schütteln; und schließlich die vielen vom Leben zerrissenen Gestalten, die mit ausgestreckten Händen auf Gnade hoffen,  in Form von Eineuromünzen oder schlimmstenfalls eines mitfühlenden Augenaufschlags. Ungeschminktes, unansehnliches, ehrliches Köln in Jooginghosen. Gepudertes, parfümiertes, leuchtendes München in Hirschlederhosen und Lodenfreydirndl.

Wolf verbrachte den ganzen Tag in einem Café in Deutz: frühstückend, lesend, schreibend, träumend, aus dem Fenster schauend, dösend. Ich hingegen blieb an einen Laternenpfahl gekettet und durfte Menschen und Fahrräder beobachten. Ein guter Tag für uns beide in Köln.

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