
15.-17. Tag meine Rhein Radreise von Andermatt nach Rotterdam (in Nijmegen)
Nun sind wieder einige Tage vergangen. Wir haben zusammen mit dem Wasser des Rheins unterschiedliche Gegenden durchquert. Wolf war entweder zu müde zum Schreiben, fand keinen geeigneten Ort dafür oder es stand schlicht nicht genügend Strom zur Verfügung. Zeitweise verstummte er am Abend ganz, weil ihm der immer stärker werdende Gegenwind aus Westen zusetzte.Es ging an Düsseldorf vorbei nach Mülheim an der Ruhr, wo Wolf einen sehr guten Freund besuchte. Dort war zufällig ein Bekannter zu Besuch, dessen große Leidenschaft Hängematten waren. Er erklärte Wolf, wie man sie mithilfe eines Laserpointers im richtigen Winkel zwischen zwei Bäumen aufspannt. Um die Kälte abzufangen, die von unten aufsteigt, empfiehlt es sich, unter der Hängematte einen Daunenschlafsack zu befestigen.Regelmäßig treffen sich diese Hängematten-Enthusiasten sogar im Winter in ausgewählten Wäldern, übernachten dort und stellen sich gegenseitig ihre neuesten Modelle sowie die damit gemachten Erfahrungen vor.Ach, die Welt ist voller skurriler und wunderbarer Beschäftigungen. Warum zieht es Menschen immer wieder zu ganz besonderen Leidenschaften hin, mit denen sie einen wesentlichen Teil ihres Lebens ausfüllen? Ich bin nur ein eindimensionales Fahrrad und kenne lediglich eine einzige, wenig spektakuläre Tätigkeit.Ach ja, bei Düsseldorf begegnete uns auf einem Radweg ein Mann aus Chemnitz, der innerhalb von zwei Wochen sämtliche deutschen Landeshauptstädte durchfahren wollte.Nach Mülheim an der Ruhr ging es weiter nach Duisburg und schließlich durch das Ruhrgebiet.

Dann kam der Niederrhein: eine Gegend am äußersten Rand Deutschlands, von der Menschen aus Bayern vermutlich nur wissen, dass sie irgendwo hinter Köln beginnen muss. Kaum jemand fährt einfach so dorthin, schon gar nicht mit dem Fahrrad. Die Landschaft wurde flach und still. Nichts drängte sich auf. Kein Berg, kein Dom, keine Burg, kein großes Versprechen. Nur Himmel, Wiesen, Wassergräben und diese eigentümliche niederrheinische Gelassenheit, die so unspektakulär ist, dass sie beinahe schon wieder feierlich wirkt. Wolf schwieg fast den ganzen Tag, und selbst ich rollte vorsichtiger, als wollte ich die Ruhe nicht mit zu lautem Kettenrasseln beschädigen. Nur einmal sagte er zu mir: „Mich würde es nicht wundern, wenn uns gleich ein impressionistischer Maler mit seiner Staffelei entgegengetrottet käme. Dieser Landstrich schreit nicht. Er steht einfach da und wartet darauf, endlich großformatig gemalt zu werden.“

Der Rhein, unser schimmernder Mitreisender, fügte sich in die großformatige Bescheidenheit der Landschaft und floss träge und breit neben uns her


Unvermittelt kam der Regen und schließlich der Weststurm vom Meer, der sich böig und breitbeinig aufmantelte und uns seine blanken Muskelpakete vor Nase und Scheinwerfer hielt. Wir bäumten uns vergeblich gegen ihn auf. Wolf konnte nicht viel gegen seine Bosheit ausrichten. Zeitweise krochen wir mit zwölf Stundenkilometern dahin. Nach dem Überfahren der niederländischen Grenze merkten wir schnell, dass der Wind hier eigentlich zu Hause war und seine unsichtbaren Knochen zwischen meine Speichen steckte.
Schöne, lebendige Stadt Nijmegen, wo Wolf eine riesige Portion Pommes verschlang, um sich für die letzten zehn Kilometer im Schneckentempo zum Campingplatz, der direkt am niederländischen Rhein liegt, zu stärken.
