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8. und 9. Tag meiner Rheintour ( bis Rastatt)

Es ist Abend. Wir sind in Kehl am Rhein auf einem Campingplatz, wo alles besonders aufgeräumt wirkt. Nach dem Kochen setzt sich Wolf an einen kleinen Holztisch in der Mitte der Zeltwiese und lässt, wie man so schön sagt, den Tag vorüberradeln. Wir sind im Elsass fast nur am Rhein-Rhône-Kanal entlang gefahren, der viel Beschaulichkeit und malerische Romantik zu bieten hat, uralt ist — bereits 1784 wurde mit dem Bau begonnen — und Wolf für seine Verhältnisse sehr, sehr entspannt Fahrrad fahren ließ. Am Ende stehen wir vor der Kathedrale in Straßburg. Wolf wollte sie unbedingt auch von innen sehen und ließ mich für ein paar Minuten draußen auf dem Platz stehen. Als er herauskam, hatte er mal wieder diesen verklärten Blick, der ihn befällt, wenn ihn Dinge in besonders große Begeisterung versetzen. „Da in der Kathedrale könnte ich sogar wieder dazu verführt werden, an Gott zu glauben. Die Klarheit, die farbigen Fenster, die in der Düsternis so besonders leuchten. Wie alles, alles nach oben streben will. Was für ein Bau.“ „Du lieber Himmel“, dachte ich da und war froh, als Wolf wieder auf meinem Sattel saß und auf irdische Art und Weise über den Rhein zum Campingplatz fuhr.

Ja, und jetzt sitzen wir  auf dieser Zeltwiese, die auf allen Campingplätzen ein Außenseiterdasein fristet. An diesem Abend sind besonders viele Radler mit ihren Reisefahrrädern dort versammelt und hängen erschöpft vor ihren kleinen Zelten ab.

Als wir unsere Erlebnisse aufschreiben wollen, setzt sich ein Mann neben uns. Er hat herunterhängende Backen, wenige Haare auf dem Kopf, die zu einem kleinen Zopf zusammengebunden sind, und einen hellblau gefärbten Ziegenbart. Er stellt einen sehr großen Pappbecher auf den Tisch und legt vier Smartphones in einer Reihe vor sich hin. Ich spüre, wie er Wolf mit seinen großen, dunklen Augen mustert und mit ihm ins Gespräch kommen will. Er sagt irgendetwas auf Französisch, und Wolf macht ihm deutlich, dass er kein Französisch kann. Der Typ deutet auf den Pappbecher, sagt „Wodka“ und gibt ein raues Lachen von sich, das wie Husten klingt. Während er spricht, trinkt er oder dreht sich eine Zigarette nach der anderen. Mit Gesten zeigt er, dass er auf Wanderschaft ist, indem er seine Ellenbogen hin und her pendeln lässt. Er nimmt das zweite Handy von rechts und zeigt Wolf Fotos von Nordlichtern auf Island. Anscheinend ist es sein großes Ziel, dieses Naturschauspiel zu sehen. Anschließend sagt er „Légion étrangère“ und zeigt auf sich. Aha, dann war der Typ in der Fremdenlegion. Er nimmt das Handy ganz links und zeigt Wolf Fotos, auf denen er irgendwo in einer staubigen Uniform und mit einem Gewehr herumsteht. Er nennt Länder wie Kosovo, Mali, Syrien oder Irak und scrollt dabei von Foto zu Foto. Eines martialischer als das andere, er immer in kriegerisch-düsterer Pose. Er erzählt und erzählt in einem Mischmasch aus Französisch und gebrochenem Englisch. Es wird dunkel, und der schöne Tag versinkt in Worten, die uns so fremd sind — nicht nur, weil wir die Sprache nicht verstehen. Wolf ist erledigt und verabschiedet sich.

Sogar mir als Fahrrad wird in dieser Nacht wieder mal klar, dass sich in die Schönheit eines Tages, eines Bildes oder was es auch immer sei, eine Irritation mischt, die unvermittelt auftaucht, in Gestalt eines Menschen, eines Ereignisses oder einer Geschichte.  

Der nächste Tag verläuft schweigend und gleichförmig. Der Rhein ist breit und mächtig. Der Übervater unserer Tour. Wir sehen, wenig Schiffe, weil der Wasserstand zu niedrig ist. Nicht einmal die Fähre, die wir nach Frankreich hinüber nehmen wollen ist in Betrieb. So landen wir auf einem Campingplatz auf deutscher Seite in der Nähe von Raststatt. Dort gibt es nur Dauercamper, deren Wohnwägen sich mit der Zeit in kleine Trutzburgen verwandelt haben. Wir fühlen uns zum ersten Mal einsam, weil wir die einzigen Radler dort sind.

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